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Bibel im Gespräch 4

Das Geheimnis der Zahlen in der Bibel

Von Pfarrer Albrecht Duncker, Weissach im Tal

 

In der Bibel kommen viele Zahlen vor. Manche nehmen wir selbstverständlich hin, andere sind uns fremd, wie z.B. die Altersangaben der Menschen im Alten Testament. So wurde Mose z.B. 120 Jahre alt, Abraham 175 Jahre alt. Das kommt uns schon seltsam vor. Viele haben schon gerätselt, was die Zahl 666 im Buch der Offenbarung bedeute. Die Zahl 17 spielt eine auffallend große Rolle, so z.B. bei der Aufzählung der Völkerzahl im Pfingstbericht. Auch die seltsame Zahl 153 beim Fischfang der Jünger im Johannesevangelium hat schon viele verwundert. Schon meine Schüler lächeln immer, wenn man ihnen sagt, dass Gott die Welt in 7 Tagen geschaffen haben soll.

 

Wir kennen die Zahlen heute nur aus Bankabrechnungen, Bilanzen, Versandhauskatalogen, Steuererklärungen, Telefonnummern. Zahlen haben bei uns etwas mit Mathematik zu tun. Doch Zahlen haben noch eine andere, tiefere, mystische, symbolische Bedeutung. In früherer Zeit war man sich dessen bewusst. So finden wir in allen Mythen und vielen Märchen eine solche Zahlensymbolik. Dichtern, Baumeistern, Malern und Musikern früherer Zeiten kannten die Geheimnisse der Zahlen. In den Proportionen eines gotischen Doms, einer romanischen Basilika, der ägyptischen Pyramiden, eines griechischen Tempels steckt verborgen die Zahl. Die Zahlen sind für uns heute zum Rechnen da, der tiefere Sinn ist uns abhanden gekommen.

Deshalb möchte ich versuchen, uns diesen Zugang wieder zugänglich zu machen.

 

Warum ist die Zahl mit der Bibel so untrennbar verbunden? Ein Blick auf die Ursprache, das Hebräische, macht dies deutlich. Denn jeder hebräische Buchstabe ist nicht nur Buchstabe, sondern eine Zahl. Man könnte deshalb den alttestamentlichen Text auch in Zahlen schreiben. Die meisten Menschen, die dieses zum ersten Mal hören, sind verwirrt. So etwas hat gerade noch gefehlt: Die Bibel ein kleiner Zahlencomputer. Doch die Zahlen im biblischen Sinn sind keine Statistik, sondern haben einen tieferen Sinn. Und solches gilt auch für die Zahlenwerte der hebräischen Worte.

 

Ich möchte Sie mit auf den Weg nehmen durch die Zahlen.

 

Die Zahl Eins

1 (א)

 Die Eins ist scheinbar einfach. Und doch ist die Eins die geheimnisvollste aller Zahlen. Die Erfahrung der Eins ist uns Menschen entzogen. Gott allein ist der Eine, der Einzige, der für uns Unerreichbare. Er trägt die Eins in sich. So heißt es im jüdischen Glaubensbekenntnis: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist einer.“

Der erste hebräische Buchstabe ist das aleph א. Es bedeutet zugleich die Eins und wird in der hebräischen Sprache nicht ausgesprochen, nur gelesen. Ein Zeichen dafür, dass die Eins das Verborgene, Nichtfassbare ist. Entsprechend wird der Name Gottes im Judentum nicht ausgesprochen. Der Name „Jahwe“ wird deshalb „adonai“ gelesen, „mein Herr“.

 

Die Zahl Zwei

2 (ב)

Gott, der Schöpfer, bringt nun aus dieser Einheit die Zwei in die Schöpfung hinein. Ja er erschafft alles, die gesamte Schöpfung als Zweiheit. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Es gibt in dieser Schöpfung nichts, das nicht diese Zweiheit, diese Polarität in sich birgt. Alles ist da im Gegensatz: Männlich-weiblich, gut-böse, Licht-Finsternis, rechts-links, gerade-krumm. Der Mensch hat 2 Arme, 2 Beine, 2 Augen. Wir atmen ein und aus, wir wachen und schlafen. Vieles erleben wir im Widerspruch.

Die Bibel beginnt wohl deshalb mit dem zweiten hebräischen Buchstaben, dem Beth ב. Denn in dieser Zwei zeigt sich die Wesensart der Schöpfung. Im Schöpfungsbericht fällt auf, dass am 2. Schöpfungstag nicht berichtet wird: „siehe, es war gut“. Ist die Zwei nicht gut? Ja, es ist doch so: Alles im Menschen zielt wieder zur Eins hin, zur Einheit, zur Vollkommenheit, zur Harmonie, Frieden, Glück.

 

Die Zahl Drei

3 (ג)

Die Zwei ist geprägt von der Ambivalenz, Dualität, die Drei neigt zur Harmonie, zur Zusammenschau des Ganzen. Es ist unglaublich, welche Faszination von der Drei ausgeht. Die Zwei lässt noch vieles offen, die Drei rundet ab, setzt einen Schlusspunkt. Die Drei macht eine Sache rund und richtig.

Die Drei hat etwas mit Erlösung zu tun. Schon in den Märchen wird dies deutlich: Drei Söhne hat der König, zwei große, erwachsene, gescheite und den kleinen Dritten, den Jüngsten. Oft ist dieser Dritte auch der Dumme, der Träumer, der Taugenichts. Aber dieser Dritte findet den Weg zu den Wassern des Lebens. Zwei hochmütige Schwestern weisen dem Aschenputtel seinen Platz zu, Aschenputtel, die dritte gewinnt den Königssohn. Auch in Sprichwörtern finden wir die Drei: Dreimal klopfen wir auf Holz. Aller guten Dinge sind drei.

Der Mensch ist ein dreidimensionales Wesen. Was Länge, Breite und Tiefe hat, bekommt einen räumlichen Charakter und kann von unseren Sinnen wahrgenommen werden. Die menschliche Begegnung bringt als Frucht das Kind hervor. Vater – Mutter – Kind, das ist die Urdreiheit der Familie.

Auch die Götter hat man in den verschiedensten Kulturen als Dreiheiten aufgefasst: Der Hindu verehrt die Dreiheit: Brama – Vishnu – Shiva. Das alte Ägypten kannte mehrere Dreifaltigkeiten: Amun – Mut und Chons, aber auch Amun – Re und Ptah.

 

Wir kennen die Drei von der Trinitätslehre: Vater- Sohn und Heiliger Geist. Auch wenn sie erst in früher Zeit (4.Jahdt.) formuliert wurde, geht sie doch auf biblische Zeugnisse zurück. Gott-Vater wird als Schöpfer des Alls verehrt, der Sohn ist Heilbringer und Erlöser, der Heilige Geist ist Tröster und Erneuerer des Glaubens. Schon im alten Testament erscheint die Dreiheit indem 3 Engel zu Abraham kommen und ihm die Geburt des Sohnes verkündigen. Jona wird nach 3 Tagen und Nächten vom großen Fisch an Land gespieen. Christus ist auferstanden am 3. Tag. Der Tod ist besiegt. Aber nicht das alte Leben geht weiter wie bisher. Auferstehung ist eine neue Art des Lebens. „Halte mich nicht fest,“ (Joh 20,17) sagt Jesus zu Maria, als er ihr im Garten erscheint.

 

Die Zahl Vier

4 (ד)

Die Zahl Vier repräsentiert die Ordnung dieser Welt. Die Drei ist ein geistiges Prinzip, die Vier die Zahl unserer sichtbaren Welt. Wir kennen 4 Himmelsrichtungen, 4 Jahreszeiten, 4 Mondphasen, 4 Elemente, 4 Evangelisten, 4 Gliedmaßen, 4 Winde, 4 Farben beim Kartenspiel. Die Pyramiden haben Quadrate als Grundlage. Durch das Paradies fließen 4 Flüsse. Der christliche Kalender kennt 4 Adventssonntage, die Fastenzeit dauert 40 Tage. Im Klangbereich der Musik hat die Vierstimmigkeit eine große Bedeutung.

 

Die Vier bzw. die Vierzig ist die Zahl dieser Welt, d.h. die Zahl der Diesseitigkeit, die Zeit auch der Angst und Bedrängnis. So muss das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste ziehen, 40 Tage dauert die Sintflut, 40 Stunden dauert die Grabesruhe Jesu, 40 Tage ist Jesus in der Wüste, 40 Tage wandert Elia bis zum Berg Horeb. Nicht von ungefähr dauert eine Schwangerschaft genau 40 Wochen.

 

Die Zahl Fünf

5 (ה)

Die Zahl Fünf bildet sich in unserem Körper mehrfach ab: Der Kopf und die vier Gliedmaßen ergeben die Fünf. Unsere Hände und Füße zeigen die Fünf, d.h. besser gesagt jeweils die Eins und die Vier. Wie zuvor schon angedeutet, ist in der hebräischen Sprache jeder Buchstabe auch eine Zahl. So ist der Gottesname Jahwe יהוה  10-5-6-5, also insgesamt die Zahl 26. Eigenartig ist nun, dass wir Menschen ausgerechnet an beiden Händen und Füßen jeweils 26 Knochen haben. Außerdem werden wir von 26 Wirbeln getragen. Damit bildet unser Knochengerüst 5 x den Gottesnamen an unserem Leib ab. Welches Wunder! Auch die Luft, die wir einatmen umhüllt uns mit Sauerstoff und Stickstoff im Verhältnis 1:4.

Die Fünf weist über diese Erde hinaus. Sie verbindet diese Erde mit dem Himmel. Das räumliche Symbol dafür ist die Pyramide.

In der Bibel lesen wir von den 5 Büchern Mose, der Thora. In der Bergpredigt wird uns berichtet, dass Jesus mit 5 Brotlaiben 5000 Menschen sättigt.

 

Wir merken, die Zahlen in der Bibel sind keine zufälligen Zahlen. Sie sind nicht nur mathematische Größen. Sie sind nicht nur Nummern. Sie haben einen tiefern Sinn, eine Qualität. Sie wollen uns etwas sagen, „erzählen.“ Leider haben wir diesen Zugang weitgehend verloren. Aber wenn uns die Augen geöffnet werden für diese Zusammenhänge und dass die Zahlen und Zeitangaben in der Bibel anderes aussagen wollen als quantitative Zusammenhänge, welche die Historiker aller Zeiten schon immer vor unlösbare Rätsel gestellt haben, werden diese alten Schriften plötzlich lebendig und reden neu zu uns.

 

Die Zahl Sechs

6 (ו)

Gott hat in sechs Tagen die Welt erschaffen. Davon leitet sich die Arbeitswoche des Menschen ab. Der Mensch ist das letzte Schöpfungswerk Gottes, er wurde am 6. Tag erschaffen. Der sechste Tag ist der Freitag. Jesus wurde am 6. Tag ans Kreuz geschlagen. Er starb zur 6. Stunde. Die 6 bedeutet: Es kommt zu einem Schlusspunkt. Es kommt zu einem Ende.

Die Zahl 666 hat wie kaum eine andere die Gemüter bewegt. Seit Jahrhunderten rätseln Historiker, Theologen über diese Zahl aus der Offenbarung des Johannes, wo von einem Tier die Rede ist, das vom Meer aufsteigt, zehn Hörner und sieben Köpfe hat und dem große Macht gegeben wird. Und dann heißt es:“ Das Zahlzeichen des Tieres ist 666.“(Offenbarung 13,17f.) Übersetzt man den griechischen Namen Cäsar Nero ins Hebräische und zählt den Zahlenwert der Buchstaben zusammen, so ergibt das die Zahl 666. So haben manche zu erklären versucht. Ich denke, man sollte nicht nach historischen Namen suchen, sondern die Zahl als symbolische Aussage begreifen. Die Zahl sechs ist die Zahl des Menschen. Hier wird sie gleich dreimal hintereinander gesetzt. Sie ist verdreifacht, potenziert. Eine potenzierte Sechs bekommt so etwas dämonisches, sie wird zur Übersteigerung. Der Mensch, so ist er, wird gesagt: Noch ist er unerlöst, noch gefangen in seinen Selbstverstrickungen.

Die Zahl Sieben

7 (ז)

Gott schuf die Welt in 6 Tagen, am 7. Tag ruhte er. Der 7. Tag ist der Sabbat, der Samstag. Wir haben daher die 7 Tage Woche. Die jüdischen Feste dauern in der Regel 7 Tage. Der heilige Leuchter (Menora) ist siebenarmig. Jakob musste 7 Jahre arbeiten, bis er Rahel und Lea heiraten durfte. Jakob deutete den Traum des Pharao mit den 7 fetten und 7 mageren Kühen. Das Vaterunser enthält 7 Bitten. In der Johannesapokalypse wimmelt es nur so von 7 er Gruppen. 7 Fackeln und 7 Geister stehen vor dem Thron Gottes, 7 Posaunen ertönen, 7 Plagen gehen über die Menschheit, usw. Sieben ist so die Zahl der Fülle. Sie sagt: Etwas ist gefüllt, angefüllt, ausgefüllt.

Die Zahl Acht

8 (ח)

Die Zahl 8 ist vielleicht die wichtigste Zahl in der Bibel. 7 ist die Zahl der Fülle, die 8 weist darüber hinaus. Im 1. Buch Mose wird berichtet, dass ausgerechnet 8 Menschen die Sintflut überlebten. Am 8. Tag werden im Judentum die neugeborenen Knäblein beschnitten. Der 8. Tag ist der Sonntag, der Tag der Auferstehung Jesu. Die Zahl 8 weist so hin auf einen Neubeginn. Es geht etwas zu Ende, die ganze alte Welt und nun beginnt etwas Neues, eine neue Ära des Lebens, der Hoffnung und Zuversicht.

Vor allem die Taufe steht unter dem Zeichen der Acht. Die Taufkapellen haben fast alle eine oktogene (achteckige) Form, die alten Taufsteine sind in der Regel achteckig. In der Taufe bekommt der Täufling Anteil am Leben des Auferstandenen.

Heute noch werden in der katholischen Kirche Täuflinge mit Öl gesalbt. Auch die Könige im alten Israel wurden mit Öl gesalbt. Der Messias ist der Gesalbte. Wieso spielt in der Bibel das Öl eine so bedeutende Rolle? Weil es so wertvoll ist? Öl heißt im Hebräischen Schemen, Acht heißt Schmona. Beide Wörter haben die gleichen Konsonanten, werden ؎؍׳׀geschrieben, haben also einen inneren Zusammenhang. Öl braucht auch bei der Herstellung 8 Tage, bis es Öl wird. Öl ist also eine Erscheinungsform, ein Zeichen des Neuen, der neuen Welt, der Rettung.

 

Und hier finden Sie mehr

Zahlen sind Hinweise auf mehr, auf Tieferes, auf Anderes. Viele Zahlen in der Bibel wollen nicht historisch, nicht mathematisch verstanden wissen, sondern sind Sinnbilder. Wieso hat man so erzählt? Nicht weil man es nicht anders hätte sagen können, sondern weil die Zahlen mit uns zu tun haben, mit uns Menschen, mit dieser Welt, mit dem ganzen Kosmos. Deshalb erzählen alle Kulturen, alle Religionen von diesen Zahlen, auch die Musiker, die Baumeister, die Märchenerzähler. Überall sind sie da, sind sie zu verstehen.

 

Ich hoffe, ich habe mit dieser Reihe über die Zahlen einen kleinen Einblick in die Welt der Zahlen geben können. Wer mehr darüber erfahren möchte, möge sich in eines der folgenden Bücher hineinlesen:  

 

 

 

 

  • Otto Betz: Die geheimnisvolle Welt der Zahlen, Kösel Verlag.
  • Jürgen Werlitz: Das Geheimnis der Heiligen Zahlen, fourier Verlag.
  • Friedrich Weinreb: Buchstaben des Lebens, Thauros Verlag.
  • Friedrich Weinreb: Zahl, Zeichen, Wort, Thauros Verlag.
  • Irmgard Hess: …und nicht die ewige Verdammnis, Vier-Türme-Verlag        Münsterschwarzach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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